Verhaltensökonom Ernst Fehr zur Corona-Bekämpfung: „Wir brauchen repräsentatives Testen.“

Im Rahmen einer Online-Konferenz des Vienna Behavioral Economics Network diskutierten die Verhaltensökonomen Dan Ariely und Ernst Fehr, warum repräsentatives Testen hilft, die Corona-Krise zu bekämpfen.

Für eine wirksame Anti-COVID-19-Strategie und eine nachhaltige Rückkehr in die Normalität müssen laufend Daten zur Infektion erhoben werden. Wer hat sich infiziert? Mit wem bestand Kontakt? Und steckt möglicherweise ein Infektions-Cluster hinter einem identifizierten Fall?

Derzeit wird meist bei berechtigtem Verdacht auf eine Infektion getestet. Für die beiden renommierten Verhaltensökonomen Ernst Fehr (Universität Zürich) und Dan Ariely (Duke University) ist dieser Ansatz nicht zielführend. Die beiden Wissenschaftler diskutierten am 27. Mai 2020 im Rahmen einer Online-Konferenz des Vienna Behavioral Economics Network über wirksame Maßnahmen zur Rückkehr in die Normalität nach Corona. Sie plädierten dabei für repräsentative, randomisierte Corona-Tests in allen Ländern. Dies sei eine weitaus wirksamere Alternative als der derzeit verfolgte Ansatz.

Warum testen?

„Wir setzen noch immer viele weitreichende Maßnahmen ohne eine solide Datengrundlage“, sagte der aus Israel zugeschaltete Ariely. „Daher müssen wir mehr Daten sammeln, um endlich besser zu verstehen, was tatsächlich passiert.“ „Diese Daten sollten aus repräsentativen Samples in den einzelnen Ländern stammen“, ergänzte Fehr. „Wenn wir sie nicht erheben, wird es sehr schwer, in die Normalität zurückzukehren.“

Repräsentative Tests mit Zufallsstichproben bieten viele Vorteile gegenüber der Strategie, Verdachtsfälle und Risikogruppen zu testen. Vor allem aber ermöglichen sie evidenzbasierte Maßnahmen, so die Ökonomen.

Ohne repräsentative Tests neigen Regierungen zu risikoaversen Entscheidungen – und damit möglicherweise zu drastischeren Schritten als nötig. Niemand möchte Leben gefährden, daher wird der Alltag tendenziell stärker eingeschränkt als nötig. Mit repräsentativen Tests kann dieses Muster durchbrochen werden, weil der Infektionsstatus in der Bevölkerung bekannt ist. Außerdem helfen randomisierte Tests dabei, systematisch mehr über das Virus und dessen Infektionsketten zu lernen.

Initiative für randomisiertes Testen

Für Länder von der Größe Österreichs oder der Schweiz schlägt Fehr einen regelmäßigen Test an 10000 Personen vor. „Dann wüssten wir, wo Hotspots entstehen, welche Berufes- oder Bevölkerungsgruppen besonders gefährdet sind, und wie einzelne Maßnahmen wirken. Außerdem kostet ein regelmäßiger Stichprobentest deutlich weniger als ein zweiter Lockdown.“

Um auf die Notwendigkeit von repräsentativen Tests zur Bewältigung der Corona-Krise aufmerksam zu machen, unterstützt Ernst Fehr auch die vor wenigen Tagen lancierte Initiative „Test the World“. Sie fordert flächendeckendes randomisiertes Testen, das es Bevölkerung und Wirtschaft erlaubt, mit COVID-19 zu leben.

Mehr unter: testtheworld.org

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